GcV

Gesellschaft zur Förderung christlicher Verantwortung e.V.

Sie befinden sich hier:  Festschrift Heiliger Vater 2012 Montag, 25. September 2017

Festschrift 2012 für Papst Benedikt XVI.

Am 25. April 2012 übergab Rechtsanwalt Roger Zörb als Vorsitzender der GcV dem Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. im Rahmen einer Audienz auf dem Petersplatz die Festschrift anläßlich seines 85. Geburtstages.

 

Der Heilige Vater feierte am 16. April 2012 seinen 85. Geburtstag

Der 80. Geburtstag des Heiligen Vaters liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Im Rahmen einer Audienz am 25. April 2007 konnte unsere erste Festschrift Seiner Heiligkeit bei strahlendem Sonnenschein auf dem Petersplatz übergeben werden. Diese eindrucksvolle Begegnung war ein ganz besonderes Erlebnis, welche den Teilnehmern noch oft Kraft für den Alltag spendet. Unser Ehrenherausgeber, Professor Georg Ratzinger, schrieb im Nachgang zur Übergabe in Rom die folgenden Sätze:

„Von meinem Bruder, dem Heiligen Vater, erfuhr ich inzwischen, daß Sie ihm das Buch überreichen konnten. Sowohl diese Überreichung als auch das Buch selbst haben ihm große Freude bereitet und er empfindet es nach meinem Urteil als ganz besonderen Beitrag zur Feier seines Geburtstages.“

Auch anläßlich seines 85. Geburtstages am 16. April 2012 haben wir unserem Heiligen Vater eine kleine Lesefreude aus seiner deutschen Heimat bereiten, die - so unser Ehrenherausgeber nach einen ersten Blick ins Werk - „es verdient, gelesen zu werden“.

Hierzu tragen alle Autoren und Gratulanten bei. Besonderer Dank gebührt an dieser Stelle dem Hamburger Unternehmer Albert Darboven, der die Verbreitung der Festschrift großzügig unterstützt. Gott vergelt's!

Den Textbeiträgen der Autoren vorangestellt sind die persönlichen Glückwünsche unseres Ehrenherausgebers an seinen Bruder, unseren Heiligen Vater.

Es folgen begleitende Grußworte des Unternehmers Albert Darboven, des Abgeordneten und ehemaligen bayerischen Staatsministers Dr. Thomas Goppel und des ehemaligen Innenministers Dr. Rudolf Seiters, nunmehr Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.

Die Textbeiträge im folgenden Teil der Festschrift sind wiederum ein „bunter Strauß“ aktueller Themen, die sich in einem weiten Sinne mit dem Thema „Kraft im Glauben“ beschäftigen. Hierbei hatte jeder Autor die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen. Dies ist, wie wir meinen, vielfältig und zum Teil in eindrucksvoller persönlicher Art und Weise gelungen:

Die Sorge um Europa und das Christentum in unserer Zeit war immer wieder Anlass für Papst Benedikt, das Gespräch zu suchen - mit Vertretern anderer Religionen, aber auch mit Atheisten und Agnostikern. Dabei hat er stets scharfsinnig die Sonderstellung Europas im Vergleich mit anderen Weltkulturen beschrieben und auf Europas Gefährdung hingewiesen, sollte es sich von seinen christlichen Wurzeln abschneiden. Professor Thomas Bargatzky beklagt in seinem Beitrag „Europas christliche Identität“, daß der Auflösungsprozess Europas in den „germanisch-protestantisch“ geprägten Ländern am schnellsten voranschreitet. Solange sie nicht bestimmten zeitgeistgemäßen Modernisierungswünschen nachgibt, könnte die katholische Kirche, als Alternative zum Islam, auf lange Sicht hin auch im „germanisch-protestantisch“ geprägten Europa wieder eine Chance haben - wenn es ihr gelingt, Herz und Verstand der Menschen zu gewinnen.

Viele Menschen messen sich nur an den Stärken der anderen und blenden völlig aus, dass auch die anderen Schwächen haben, sie setzen sich unter großen Druck, der sie unfähig macht, das mit Freude zu tun, was ihnen möglich ist. Sabine Benedikta Beschmann fragt in ihrem Beitrag „Die Kraft aus dem Glauben und die menschlichen Grenzen“, ob wir Christen in Mitteleuropa uns nicht ein ganzes Stück weit von dem Machbarkeitswahn unserer Zeit haben anstecken lassen? Leben ist mehr als Leistungsfähigkeit - Gott hat dem Leben einen Wert gegeben, der nicht durch Krankheit und Hinfälligkeit zerstört werden kann. Eine solch gelassene Haltung zu entwickeln, fällt auch nicht in den Schoß. Es ist ein längerer Weg, bis ein Mensch seine Begrenzung annimmt und den Raum innerhalb der Grenzen entdeckt.

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger weist unter dem Titel „Kraft im Glauben - correctio fraterna für die Politik“ auf ein altes Sprichwort hin: Der Glaube kann Berge versetzen. Der Glaube besitzt also eine ganz besondere Kraft. Wenn die Kirche zwei Jahrtausende mitgestaltet, internen wie externen Widrigkeiten und Fehlern oft erfolgreich widerstanden, dabei aber im Sinne der „ecclesia semper reformanda“ die Kraft im Glauben nie nur als statischen, sondern als dynamischen Prozess begriffen hat, ist dies Ausweis dafür, dass der Volksmund durchaus richtig liegt. Der Rückgang von Bindungen und Bindungsbereitschaft der heutigen Menschen an Institutionen jedweder Art provoziert die Frage, wie dieses Gedankengut in die Welt des 21. und 22. Jahrhunderts transferiert werden kann, ohne dass es in seiner Substanz verletzt würde und daher seine prägende Wirkung erhalten bleibt oder möglicherweise sogar gesteigert werden kann.

Angesichts der zunehmenden Säkularisierung Europas und eines neuen, kämpferischen Atheismus fragt der ehemalige österreichische Verteidigungsminister Dr. Werner Fasslabend unter der Überschrift „Politik aus christlicher Überzeugung“, ob das Thema Religion in der Politik überhaupt noch Aktualität und eine Zukunftsperspektive für sich beanspruchen kann. Er meint, dass es auch für säkulare und laizistische Staaten politisch nicht klug ist, auf einer absoluten Trennung zwischen Religion und Staat zu beharren, sondern stattdessen die Religionen als Bereicherung für das demokratische Gemeinwesen zu begreifen. Die Beschleunigung der Säkularisierung in Europa kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es zurzeit keine gleichwertige religionsphilosophische Schule oder Denktradition gibt, die wie das Christentum der Politik als ethisches Fundament, Korrektiv, Stichwortgeber und systematische Quelle dient. Aus Sicht der Politik erfüllt Religion die Funktion einer Wertebasis, als Kreator eines ganzheitlichen Menschenbildes sowie als Ordnungsrahmen für Bürger und Gesellschaft. Eine Politik, die auf die Inspiration durch die Religion verzichtete, setzte sich der Gefahr aus, die historische Stärke Europas aufs Spiel zu setzen.

Die Bundestagsabgeordnete Dr. Maria Flachsbarth vertritt in Ihrem Beitrag „Politik aus christlicher Verantwortung“ den Standpunkt, daß moralische Substanz der Bürgerinnen und Bürger, der Grundkonsens an Werten und Tugenden, gepflegt und weitergegeben werden müssen - eine Aufgabe, die in unserer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft, in der es kaum noch Selbstverständlichkeiten zu geben scheint, noch an Dringlichkeit gewonnen hat. Die christlichen Kirchen sind besonders wichtige Instanzen, deren Mitarbeit bei der Generierung und Tradierung unserer Grundwerte unabdingbar ist. Der christliche Glaube bleibt dabei eine „sperrige Leitplanke“ - das Evangelium liefert keine Blaupause, schon gar kein Geheimrezept, um fehlerfrei handeln und entscheiden zu können. Grundlegend und immer wieder in Erinnerung rufen sollten wir uns aber über alle Verschiedenheit in konkreten Einzelfragen hinweg, dass er Kraftquelle des täglichen Handelns ist - und das Christentum mit seiner Kernbotschaft der Gottes- und der Nächstenliebe zum gesellschaftspolitischen Handeln verpflichtet

Dr. Peter Gauweiler, streitbarer und weithin bekannter Bundestags-abgeordneter aus Bayern, erinnert unter der Überschrift „Der bayerische Caesar“ daran, daß der damalige Erzbischof von München und Freising, Professor Joseph Ratzinger, einen seiner ersten Besuche nach seinem Amtsantritt der Münchener evangelisch-lutherischen Gemeinde, in ihrer Bischofskirche St. Matthäus am Sendlinger-Tor-Platz, zu einem evangeli-schen Abendgottesdienst abstattete. Mit seinen ersten Worten bot er dort eine Alternative: zur hochmodernen konfessionellen Gleichmacherei genauso wie zu einer vom Willen zum Missverständnis beladenen wechsel¬seitigen Abwendung. Er warb dafür, im nachbarschaftlichen Besuch kein einmaliges Ereignis zu sehen, sondern solche Besuche wechselseitig fortzusetzen. Seine Rede war von der Achtung der Liturgie des anderen geprägt. Der Unterschied als Wert. Heute wissen wir, dass die Rückkehr der Kirchen zu sich selbst die eigentliche Gemeinschaftsaufgabe von Katholiken und Protestanten sein und von jeder Generation neu aufgenommen werden muss. Auch hier hilft klares Aussprechen, und nur so kommt man zu einer höheren Stufe des wirklichen Einigseins. Auch dazu verdanken wir Benedikt einen Gewinn an Nüchternheit, Klarheit und Ehrlichkeit.

Die Bedeutung des Glaubens für das Leben eines Volkes wird von vielen nicht erkannt, meint der langjährige Bundestagsabgeordnete Norbert Geis und fragt „Was wird aus Deutschland?“. Der Glaube gehört zum innersten Kern eines Volkes. Fehlt er, sind die Menschen Propagandisten, Einflüsterern und Verführern hilflos ausgeliefert. Es fehlt der innere Maßstab, die Gabe der Unterscheidung der Geister. Dann lebt jeder nach seiner Façon und macht sich seine Götter selbst. Allgemeingültige Werte, nach denen sich das Zusammenleben in einer Gesellschaft ausrichtet, gibt es kaum noch. Wahr ist nicht, was wahr ist, sondern was der Einzelne für wahr hält. Das Ergebnis ist Verwirrung und Zerfall. Dagegen brauchen wir Frauen und Männer, die vorangehen. Unser Papst aus Deutschland wird uns helfen können, den richtigen Weg zu gehen, wenn wir auf ihn hören.

„Papst Benedikt - der Brückenbauer“ - so beschreibt Professor Hubert Gindert unseren Heiligen Vater. Gerade die Friedenstreffen von Assisi stehen für Toleranz und menschlichen Respekt vor Andersgläubigen und Andersdenkenden. Sie stehen für das friedliche Zusammenleben in einer zunehmend globalisierten Welt, in der Gläubige unterschiedlicher Religionen heute Tür an Tür wohnen. Die Zusammenkünfte von Assisi sind aber nicht, wie gelegentlich fälschlich behauptet wird, Ausdruck von Synkretismus oder einer Gleichsetzung verschiedener Religionen. Assisi zeigt, daß der Papst nicht nur das Oberhaupt und der Repräsentant der Katholischen Kirche ist. Als Stellvertreter Christi auf Erden, dem es um das Heil aller Menschen ging, ist er auch Brückenbauer zu den Menschen der verschiedenen Religionen und Kulturen. Der Papst ist Hirte, Lehrer und Gesetzgeber der Kirche. Er muß die Einheit wahren, nicht indem er mit taktischem Geschick Strömungen und Mehrheitsmeinungen in der Kirche austariert, wie das in einer Demokratie geschieht, sondern indem er den Willen Christi darlegt.

In seiner Inaugurationsvorlesung bei der internationalen Konferenz „Eine Welt - viele Kulturen. Dialog der Kulturen, Zivilisationen, Religionen in einer globalisierten Welt“ an der Kasimir-der-Große-Universität in Bydgoszcz/Bromberg beschäftigt sich der Abt des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz im Wienerwald, Professor Maximilian Heim OCist, mit dem Thema „Der Platz der Theologie in der universitas scientiarum“. Damit sind wir eingeladen, darüber nachzudenken, wie Philosophie und Theologie zueinander stehen. Mit Papst Benedikt verweist der Autor auf die wichtigste christologische Begriffsbestimmung, die chalzedonensische Formel des „Unvermischt und Ungetrennt“: So wie der göttliche Logos mit der menschlichen Person Jesus Christus als ungetrennt und unvermischt dargestellt wird, so ist auch das Verhältnis von Philosophie und Glaube zu denken. Diese Grundlinie zeichnet der Autor anhand der Ansprachen von Papst Benedikt, die er an Universitäten bzw. vor akademischem Publikum gehalten hat, faszinierend nach.

General a. D. Karl-Heinz Lather bezieht Stellung zum aktuellen Thema „Soldat und Christ sein“. In seiner letzten Aufgabe als aktiver Soldat und Chef des Stabes des NATO-Oberkommandos SHAPE in Belgien erreichten ihn sehr oft, zu oft Nachrichten, daß unser Bündnis wieder Gefallene und Verwundete in Afghanistan, im ISAF-Einsatz zu beklagen hatte. Gefragt, ob er Gott nur in solchen Situationen brauchte, ist seine Antwort ein klares nein. Gott und seine Kirche begleiten ein Leben lang, nicht nur im Einsatz, vor allem auch in der elterlichen und eigenen Familie und im beruflichen Alltag. Die Friedensethiken der katholischen und evangelischen Kirchen sind nahezu identisch und lassen im äußersten Falle, als ultima ratio also, die Androhung und die Anwendung militärischer Gewalt zu. Wir dürfen militärische Gewalt nicht kategorisch ausschließen, weder humanitär noch als Intervention in einen Unrechtsstaat oder gegen den Machtmißbrauch eines Diktators, noch in einem zwischenstaatlichen Konflikt. Wir können sie vielmehr dann akzeptieren, wenn alle anderen, vor allem die diplomatischen und politischen Anstrengungen vergeblich geblieben sind.

Hat die Familie im Schöpfungsplan Gottes einen überzeitlichen Stellenwert? Und welcher könnte das sein? Läßt sich das vielleicht durch biblische Recherchen und unter Zuhilfenahme des Katholischen Weltkatechismus ergründen? Fragen dieser Art sind dringlich geworden und werden von Christa Meves in ihrem Beitrag „Die Stellung der Familie im Schöpfungsplan Gottes“ beantwortet. Seit etwa 45 Jahren findet in unserer Gesellschaft fast unbemerkt, und dennoch außerordentlich, erfolgreich ein Angriff auf die Institution Familie statt. Im Hauptstrom der Medien wird der Zusammenschluß eines Ehepaares und ihre Verpflichtung, die aus ihrer Verbindung hervorgegangenen Kinder zu erziehen, mehr oder weniger schleichend als veraltet in Frage gestellt. Die Aufgabe der Familie ist - mit all den leisen Wegweisungen Gottes, die die Autorin seit Jahrzehnten unermüdlich beschreibt - vor allem ein elterlicher Auftrag.

Der „Auftrag zur Versöhnung mit Gottes Schöpfung“ ist das Thema der Ministerpräsidentin des Freistaates Thüringen, Christina Lieberknecht. Das Christ-Sein steht in einem direkten Verhältnis zu unserem Reden, Handeln, Wollen und Planen. Christlicher Glaube ist ein Gnadengeschenk, das uns im Gebet zufließt und uns mit Gott verbindet. Der Glaube an den dreieinigen Gott erzeugt in uns Erfahrungen, die es ermöglichen, unsere Lebensweise und unsere Entscheidungen auf die göttlichen Gebote auszurichten und damit uns selbst zu verändern. Wer sich von Gott trennt, handelt abseits von göttlicher Liebe und Wahrheit. Wir müssen stetig lernen, das Richtige vom Falschen, das Gute vom Bösen, Gerechtigkeit von Ungerechtigkeit durch Gottes Gnade und durch Selbsterkenntnis zu unterscheiden. Christen, die politische Ämter innehaben, wissen sich gerufen, ihr Staatsamt mit Gottes Willen und Wirken in der Welt in einen harmonischen Zusammenhang zu bringen. Unser christlicher Glaube fordert die unbedingte Hinwendung zu Gott, nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch mit unserer Vernunft. Christlicher Glaube sorgt nicht dafür, dass ich etwas, was mir wichtig erscheint, bekomme und Reichtum anhäufe, sondern Liebe und mehr als Liebe gebe, also in erster Linie die Menschenrechte und mehr davon achte, so die Ministerpräsidentin.

„Und das Wort ist Fleisch geworden - Die Inkarnation des Logos als Auftrag christlich inspirierter Politik“ - diesem spannenden Thema widmen sich Professor Werner Münch, ehemaliger Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, und Dr. Andreas Püttmann gemeinsam. Das biblische „Im Anfang war das Wort“ bedeutet zunächst, dass der Welt ein Sinn, ein geistiger Grund vorangeht. Auch unser demokratischer Verfassungsstaat postuliert eine „objektive Wertordnung“, die ihren „Mittelpunkt in der innerhalb der sozialen Gemeinschaft sich frei entfaltenden menschlichen Persönlichkeit und ihrer Würde findet“, so das Bundesverfassungsgericht. Ihre Geltung setzt eine Unterscheidung von Gut und Böse voraus, die einem Menschen ohne „Religio“, ohne Rückbindung an Gott als Urquell ewiger Rechte, „die droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst“ (Friedrich Schiller) schwerer gelingt. Daher liegt es im Interesse des Staates, dass die Warnungen des Papstes vor einem Kultur zerstörenden Relativismus nicht nur Katholiken, sondern allen Menschen guten Willens einsichtig gemacht werden.

Mehrere Aspekte stellt der ehemalige Präsident des Europäischen Parlamentes Professor Hans-Gert Pöttering in seinen Ausführungen „Zur Bedeutung des Glaubens für ein Leben in der Politik“ heraus: Zum einen der Gedanke, dass Glaube sich immer in Gemeinschaft vollzieht und ein Glaubender nicht allein ist, zum anderen der Hinweis, dass Glaube in einer pluralen Gesellschaft Orientierung zu bieten vermag und damit zur Grundlage für Entscheidungen werden kann. Entscheidend aber ist, dass der Glaube die Hoffnung gibt, immer wieder, selbst in schwierigen Situationen getragen und aufgefangen zu werden. Diese Hoffnung bietet auch über das irdische Leben hinaus eine Perspektive. In dem Wissen, von einem persönlichen Gott angenommen zu sein, lässt sich Lebensglück finden. Für christliche Politiker als gläubige Menschen bleibt es eine ständige Aufforderung, sich auf die Grundlagen ihrer Politik zu besinnen im Licht der Anregungen, die der Papst durch seine Bücher und Predigten gegeben hat. Eines seiner wesentlichen Ziele ist, bei vielen Menschen Freude am Glauben zu wecken und zu vertiefen. Denn so lässt sich ein christliches Europa bauen.

Unter der Überschrift „Einigkeit und Recht und Freiheit“ beschäftigt sich Prälat Professor Lothar Roos mit den „Grundlagen des demokratischen Verfassungsstaates von Bischof Ketteler zu Benedikt XVI.“. In seiner ersten Ansprache auf deutschem Boden anlässlich seiner Apostolischen Reise zitierte Papst Benedikt XVI. am 22. September 2011 auf Schloss Bellevue in Berlin, das, wie er sagte, „Wort des großen Bischofs und Sozialreformers“ Wilhelm Emmanuel von Ketteler, das dieser 1848 beim ersten „Katholikentag“ in Mainz ausgesprochen hatte: „Wie die Religion der Freiheit bedarf, so bedarf die Freiheit der Religion“. Worin gründet diese Aktualität? Papst Benedikt geht es wie Bischof Ketteler um die Würde und Rechte der Menschen. Beide wenden sich gegen Auffassungen, die diese ohne verfassungsrechtliche Sicherungen in die Hand der jeweils demokratischen Mehrheit legen wollen.

Einige philosophische Meditationen „Über den Glanz der Wahrheit“ bringt uns Professor Harald Seubert nahe. Unter den bedeutenden Theologen des 20. Jahrhunderts ragt das Werk Joseph Ratzingers in einer ganz spezifischen Hinsicht heraus: ihm ist ein ungewöhnlicher Glanz, eine Schönheit eigen, die den wahren Gedanken oft begleitet. Gelegentlich war deshalb von Ratzinger als dem „Mozart der Theologie“ die Rede. Das Schöne, die Verklärung, in der endliche Formen auf die Spur der Ewigkeit diaphan werden, gehört in die Mitte des Verhältnisses von Glaube und Vernunft, die der Papst als Inbegriff der Liebe versteht. Da Gott Liebe ist, öffnet er sich auch menschlicher Vernunft und will von ihr verstanden sein. Mehr noch: er gibt als ihr inwendiger, sie versammelnder Grund dieser Vernunft allererst ihren Grund und ihr Urbild.

Mit seinem vielzitierten Wort von der „Ent-weltlichung“ der Kirche meint Papst Benedikt nicht den Rückzug aus der Welt oder gar eine Opposition zur Welt, sondern das Gegenteil - so S. E. Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst in seinen Betrachtungen „Ent-weltlichung“ als Dienst an der Welt - Soziale Verkündigung und öffentliche Verantwortung“. Die angesprochene „Ent-weltlichung“ der Kirche zielt auf eine geistliche Vergewisserung und Bewusstseinsbildung für den Kern des christlich-kirchlichen Daseins. Sein Wort von der „Liebe in der Wahrheit“ als einzig stabile Grundlage für ein gedeihliches menschliches Zusammenleben richtet sich gegen einen übersteigerten Individualismus und die Illusion des modernen Menschen, durch eigene Kraft oder technisch-ökonomische Vernunft eine „Selbstbefreiung vom Übel“ erreichen zu können.

Ist es nicht eine Tragik, daß bei aller vermeintlichen Fortschrittlichkeit unserer heutigen Gesellschaft viele Christen sich immer weiter von Maria entfernen, fragt I. H. Johanna Gräfin von Westphalen in Ihrem Beitrag „Maria - Hilfe der Christen und Pforte des Himmels“. Noch im 18. Jahrhundert gab es in evangelischen Gebetbüchern eine Marienandacht. Es fanden sich dort Marienlieder, die heute noch in den katholischen Gesangbüchern stehen. Luther kritisierte zu Recht die damalige Volksfrömmigkeit, die Maria als christusverdrängende Heilsgestalt, ja sogar als Gnadenspenderin verehrte. Aber er läßt die Anrufung Marias als Fürsprecherin zu und verehrte das Kreuzzeichen. Für die Autorin wäre es ein echter Fortschritt in der Ökumene, wenn beide urchristlichen Gewohnheiten - die Marienverehrung und das Kreuzzeichen - auch evangelischerseits wieder aufgenommen würden.

Frieden zu stiften, ist keine leichte und selbstverständliche Angelegenheit, weiß der hochehrwürdige Abtprimas der Benediktiner, Professor Notker Wolf OSB. Sie ist nur möglich, wenn ich dienen will statt zu herrschen, wenn ich den anderen in seiner Eigenart respektiere, auch in seiner kulturellen. „Wir haben den Messias gefunden“ (Joh 1,41) - und wir Menschen heute?“, fragt der Autor weiter. Dialog ist ein mühsames Unterfangen. Aber nur über ihn wird Frieden zu erringen sein. Wir Menschen versündigen uns immer wieder gegeneinander, und es gilt - nach dem Wort des Epheserbriefs „die Sonne soll über unserem Zorn nicht untergehen“ (Eph 4,26) - möglichst bald den zerbrochenen Frieden wiederherzustellen. Letztlich aber bleiben wir Menschen unfähig, dauerhaften Frieden zu stiften. Zu sehr und zu oft versündigen wir uns gegeneinander. Auf die Botschaft Jesu vom neuen Reich Gottes vertrauend, können auch wir versuchen, das Geheimnis Jesu Christi unseren Zeitgenossen zu verkünden und die rechten Worte zu finden. Von Generation zu Generation müssen wir versuchen, unseren Glauben neu zu buchstabieren.

Den Weg zur „Europäischen Union Christlicher Tradition“ beschreibt Herausgeber Roger Zörb und knüpft dabei an seine Betrachtungen zum vierdimensionalen Menschenbild in der Festschrift zum 80. Geburtstag des Heiligen Vaters an. Körper, Seele, Geist, Logos - als Bewußtseinslage eines ganzen Kulturraums finden wir das letzte Mal in den Jahrzehnten, als die Blütezeit der Frührenaissance, auf das Mittelalter folgend, langsam ausklang. Das Mittelalter, die Frührenaissance sind niemals ohne die Einbeziehung der vierten Dimension zu denken. Ihr Urgrund - die Offenbarung der Bibel - gehört der vierten Dimension, dem Logos, an. Diese alte Ordnung war verankert in der Transzendenz, im Religiösen. Sie hatte den Auftrag, als Spiegelbild kosmisch-transzendenter Ordnung die menschliche Gesellschaft zu orten und zu gestalten. Dem vierdimensionalen Bewußtsein entspricht eine große Einheit, eine große Gemeinschaft - das ist der Kultur- und christliche Glaubensraum Europa. Das Wort, das einst auf dem Banner dieser Gemeinschaft stehen wird, ist ein anderes als das der Vereinten Nationen. Es wird auf eine andere Seinsebene Bezug nehmen und kann nur lauten aut deus, aut nihil.

Im abschließenden Teil der Festschrift gratulieren in einer umfangreichen tabula gratulatoria zahlreiche Persönlichkeiten, angeführt von unserem Ehrenvorsitzenden Domkapellmeister emeritus Professor Georg Ratzinger, dem Heiligen Vater zu seinem Ehrentag - darunter der Bürgermeister seiner Geburtsstadt Marktl am Inn.

Wir wünschen unserem heiligen Vater und allen Lesern unserer Festschrift, männlich wie weiblich, eine angenehme Lektüre dieses anregenden nutrimentum spiritus.

Hamburg, im April 2012

 

Als Erstgratulanten

S. E. Dr. Werner Thissen,
Erzbischof von Hamburg

Thomas Maria Freihart, Kelheim
Abt Kloster Weltenburg

Stanislaw Tillich, Dresden
Ministerpräsident des Freistaates Sachsen

Ministerpräsident a. D. Dr. Bernhard Vogel
Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin

Rechtsanwalt Dr. Peter G. Ahner, Hamburg
Honorarkonsul der Föderation von Saint Christopher and Nevis

S. K. H. Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate, Frankfurt am Main
Ehrensenator der Universität Tübingen

Georg Freiherr von und zu Brenken, Schloss Erpenburg
Präsident des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken

Staatsminister a. D. Georg Fahrenschon, MdL, Neuried

Professor Dr. Gerd-Winand Imeyer, Hamburg
Honorargeneralkonsul der Republik Bulgarien

Professor Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Hamburg
Institut für Theologie und Frieden, Katholische Friedensstiftung

Senator a. D. Ian K. Karan, Hamburg

General a. D. Hans-Peter von Kirchbach, Potsdam
Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe

Pater Dr. Sigfrid Klöckner ofm, Kloster Frauenberg, Fulda

Minister a. D. Rudolf Köberle, MdL, Fronhofen

Roswitha und Hofrat Leopold Köllner, Hamburg
Generalkonsul der Republik Österreich a. D.

Hartmut Koschyk, Goldkronach
Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium

Bankdirektor Thaddäus Kühnel, Holzkirchen

S. D. Alois Konstantin Fürst zu Löwenstein, Oberst d. R., Kleinheubach
Präsident des Kongresses „Freude am Glauben“ des
Forums Deutscher Katholiken

Staatssekretär a. D. Professor Dr. Dr. Hans-Peter Mayer, MdEP, Vechta

Staatssekretär a. D. Manfred Speck, Bad Honnef
Gründungsmitglied des Kardinal-Höffner-Kreises Berlin

Staatssekretär a. D. Friedhelm Ost, Bad Honnef

Generalleutnant a. D. Dr. Klaus Olshausen, Meckenheim
Präsident der Clausewitz-Gesellschaft

Staatsminister a. D. Rechtsanwalt Jochen Riebel, Mainz

Staatssekretär a. D. Johann Wilhelm Römer, Mainz

Christian Schmidt, MdB, Berlin
Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung

Rechtsanwalt Ivo von Trotha, Richter i. R., Hamburg
Kommendator des Johanniterordens

Dipl.-Ing. Volker Tschapke, Berlin
Präsident der Preußischen Gesellschaft

Christa Vossschulte, Esslingen
Stv. Präsidentin des Landtages von Baden-Württemberg a. D.

 

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